Susann Rosemann

Autorin


Die Tochter des Tuchkaufmanns

 

von Susann Rosemann

 

Erschienen am 13.August 2012
im Gmeiner Verlag



Inhalt:


Ulm 1485.
Jolanthes Vater, ein Ulmer Kaufmann, erleidet einen Unfall und ist an das Bett gefesselt. Da Jolanthe gut mit Zahlen umzugehen weiß, übernimmt sie gemeinsam mit dem Kontormitarbeiter die Geschäfte. Sieglinde, ihre ältere Schwester, traut Jolanthe diese Aufgabe nicht zu und ist gegen diese Zwischenlösung. Sie sieht ihr Erbe in Gefahr. Als sie aus Berechnung einen Kaufmannsohn heiratet, der die Geschäfte übernimmt, gerät Jolanthe mehr und mehr ins Abseits. Sie wehrt sich, in der Überzeugung, das bessere kaufmännische Gespür zu haben und Vaters Unternehmen retten zu müssen. Zudem ist da dieser Fremde aus Paris, der sie zu wagemutigen Unternehmungen ermuntert. Was verheimlicht er? Warum unterstützt er sie? Jolanthes Weg führt sie bis in die blühende Handelsstadt Venedig, um die Wahrheit zu erfahren.

 

 

Buchtrailer:

 

 


Leseprobe:

 

 

Prolog

Ulm, 1475 Sommer

Das Geschrei der Mutter wollte nicht enden. Jolanthe steckte ihre Finger in die Ohren und begann, ein Lied zu summen. Sie wiegte sich vor und zurück und erklärte dem Stoffhasen vor sich, die Mutter würde sicher bald aufhören mit diesem Lärm. Doch sie hörte nicht auf. Draußen war es bereits dunkel geworden, die Schwester hatte vergessen, die Läden vor dem Fenster ihrer gemeinsamen Schlafkammer zu schließen. Jolanthe zog vorsichtig die Finger aus den Ohren und lauschte. Der Ruf des Nachwächters hallte durch die Stille. Sonst tat sich nichts. Erleichtert nahm sie ihren Hasen und schlüpfte in die Holzpantoffeln, wollte hinüberlaufen ins andere Zimmer, das Kind anschauen, das die Mutter endlich geboren zu haben schien. Doch das Geschrei fing von vorn an. Wie erstarrt blieb sie stehen und biss sich auf die Unterlippe. Da stimmte etwas nicht, auch wenn ihre große Schwester sie mit beruhigendem Murmeln aus dem Raum geschoben hatte. Jolanthe wusste noch nicht viel, doch dass diese Geburt zu lange dauerte, das spürte sie. Sie schlich den Gang entlang und öffnete vorsichtig die Tür zur Kammer der Eltern. Verbrauchte Luft schlug ihr entgegen, unterlegt mit dem metallischen Geruch nach Blut und dem scharfen Gestank von Urin.
Sieglinde und die Hebamme waren damit beschäftigt, der schreienden Mutter beizustehen, sie bemerkten Jolanthe erst, als sie am Bett stand und das schweißglänzende Gesicht der Mutter sah.
»Geh!«, fuhr Sieglinde sie an. »Du hast hier nichts zu schaffen.«
»Ich muss Martha holen«, antwortete Jolanthe ernst in dem Wissen, dass sie recht hatte. »Mutter wollte sie bei sich haben, warum hast du sie nicht benachrichtigt?«
Sieglinde starrte ihre Schwester an. Endlich antwortete sie: »Vater will das nicht. Ich weiß selbst am besten, was Mutter braucht, scher dich fort. Das Kräuterweib kommt mir nicht ins Haus.«



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